Buenos Aires – Studieren an Che Guevaras alter Uni

In Studieren im Ausland by shavethewhales0 Comments

Buenos Aires, Stadtteil Villa Crespo, 8.30 Uhr: Aufstehen. Im Bad geht das Licht aus, als ich gerade unter die Dusche steige, kurz später aber von selbst wieder an

8.35 Uhr: Der Knopf für Warmwasser fällt nach 2 Umdrehungen ab, das Wasser spritzt in alle Richtungen, lässt sich aber nicht mehr zudrehen

8.37 Uhr: Ich rufe meinen Mitbewohner an, um mir sagen zu lassen, wo der Hebel ist, mit dem man das Wasser für das ganze Haus abstellt. Das Telefon fällt von der Wand, als ich den Hörer drauflege

9 Uhr: Ich gehe ungewaschen zur U-bahn, die hier Subte genannt wird. Vor mir steigen gefühlte 8000 Mann in einen Waggon, in dem schon vorher 8000 Mann sitzen. Ich werfe mich mit Anlauf dazu, um mir ein Stück Platz zu verschaffen. Ich werde 20 Minuten immer ein Stück näher an die stinkende Achselhöhle eines behaarten Argentiniers gedrückt.

9.30 Uhr: Ich steige im Flur meiner Uni über Menschen, die auf dem Boden Wahlplakate für die Studiparlamentswahl malen, andere Menschen teilen dicke Stapel Flugblätter aus

9.35 Uhr: Meine Vorlesung hat seit 5 Minuten angefangen

9.37 Uhr: Ich finde den Raum, in dem meine Vorlesung stattfindet und setzte mich zu den Anderen auf den Boden, die Stühle sind längst besetzt

9.50 Uhr: 5 Studierende mit roten Papphüten kommen in einer Polonaise rein und imitieren Dampflokgeräusche. Nur der Anführer bläst auf einer Tröte. Sie machen Wahlwerbung für ihre Studentenpartei “El Tren” (dt. Der Zug), die Studentenparlamentswahlen stehen an

10.00 Uhr: 3 Studierende rufen zur Demo auf. Alle nehmen einen Tisch oder Stuhl mit und stellen ihn vor die Hauptverkehrsstraße vor der Fakultät. So blockieren wir die Straße und erzeugen Aufmerksamkeit. Der Prof bricht die Vorlesung ab und demonstriert mit.

11.00 Uhr: Ich nehme die Subte nach Hause. Sie ist nicht mehr so voll, aber dafür kommen jetzt die Verkäufer mit den Seifenblasen, die einem die Haare verkleben, mit den Leuchtkugelschreibern und den Katzenpostkarten. So belustigend das klingt, es ist ein so trauriges Bild und es gibt Momente, da möchte ich ihnen alle ihre fürchterlichen Sachen abkaufen, damit sie den restlichen Tag in der Sonne sitzen können. Wie oft kauft ihnen wohl jemand was ab und wie viel Hoffnung müssen sie jeden Tag mitnehmen, um trotzdem weiter zu machen?

11.30 Uhr: Ich stecke meine Kreditkarte in 3 leere Geldautomaten. Der vierte gibt mir 100 Peso Scheine, mit denen jeder Einkauf zum Abenteuer wird, denn niemand hat je Kleingeld

12.00 Uhr: Zurück in der Wohnung ist niemand da, nur 6 stinkende Müllsäcke stehen im Flur. Ich trage sie runter auf die Straße, wo ich einen alten Mann treffe, der mich laut beschimpft. Ich beobachte, wie es unter seinen Schläfen pocht und seine Augen leicht hervortreten. Weil er auf die Säcke zeigt, verstehe ich, dass er sie hier nicht will und nehme sie wieder mit. Später erklärt meine Mitbewohnerin, dass man sie besser erst abends rausstellt, wenn die Müllsammler kommen, sonst wühlen vorher die Hunde alles durch und verteilen den Sackinhalt auf den Bürgersteigen.

12.15 Uhr: Ich finde im Küchenschrank einen kleinen Kürbis, überzogen mit einer Schicht Schimmel. Als ich ihn vorsichtig am Stiel in den Müll heben will, platzt er unten auf, stinkender Schleim klatscht mir auf die Füße.

12.20 Als ich einen Wischeimer füllen will, fällt mir ein, dass immer noch im gesamten Haus das Wasser abgestellt ist. Ich finde Fensterreiniger, mit dem ich mir den Schleim zwischen den Zehen entferne. Danach befreie ich Boden, Waschmaschine und Regale von Kürbiskernen und Schleimspritzern

13.00 Uhr: Ich beschließe, heute nichts zu kochen

13.05 Uhr: Ich nehme eine 1Peso Münze aus ihrem Versteck, dass ich eigens dafür eingerichtet habe. Kleingeld ist in Argentinien hart umkämpft und man sollte nie damit rausrücken, wenn man nicht unbedingt muss. Ich will Bus fahren und im Bus steht eine Fahrkartenmaschine, die nichts als 1 Peso Münzen nimmt. Sie sieht aus wie ein Schließfach mit einem Trichter drauf, oben kommt das Geld rein, unten kommt ein Ticket in der Größe eines Fingernagels raus, so dünn, dass es meist schon beim Einstecken zerreißt.

13.30 Uhr: Spanischkurs

15.00 Uhr: Ich gehe in mindestens 5 Bäckereien, bevor ich eine vegetarische Empanada finde

15.30 Uhr: Hausaufgaben im Park mit dem künstlichen Ententeich

18.00 Uhr: Ich verabrede mich zu “La Bomba de Tiempo”, einem Trommelkonzert, das hier öfters stattfindet

19.00 Uhr: Ich muss einen Bus nehmen, mit dem ich nie vorher gefahren bin. Da es viele hundert Buslinien gibt und keiner genau weiß, wo sie langfahren, gibt es den “GuiaT”, eine eigens zum Busfahren kreierte Anleitung, die hier vielen Studenten zur Bibel wird. Wo die Haltestellen genau sind, steht nicht drin, nur an welcher Straße, also frag ich am Kiosk nebenan, denn meistens sind auch Busschilder abgeschraubt oder umgedreht.

20.00 Uhr: Bei “La Bomba” ist Stimmung. Es ist so voll, mir werden Ellenbogen in die Seite gerammt, Dreadlocks fliegen mir in den Mund, wenn ich was sagen will. Dagegen hilft nur wildes Mittanzen.

 

DSC01174“Und wisset, dass ich nur sterbe, wenn ihr unseren Kampf aufgebt, denn der, der kämpfend stirbt, lebt in jedem seiner Kameraden weiter” – Wand in meiner Uni

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Studieren in Buenos Aires als Auslandssemester an der UBA, Juli bis Dezember 2008

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