Gefängnis San Pedro

Bolivien: Ein Tag im Gefängnis San Pedro von La Paz

In Reisen by shavethewhales2 Comments

„Kannst du mir 5 Gramm Koks mitbringen?“ fragt mich mein Zimmernachbar, als ich ihm erzähle, wohin ich gerade auf dem Weg bin. „Klar“ höre ich mich selbst sagen überlege noch während ich das sage, ob ich mir hier gerade auf was ganz Dummes einlasse. Mein Gegenüber drückt mir entzückt einen Stapel Bolivianos in die Hand. Das Koks aus dem Knast sei der beste Stoff, der ihm je untergekommen sei.

Ich bin auf dem Weg in das weltweit einzige Gefängnis, das Besichtigungen für Besucher veranstaltet. Nicht offiziell natürlich, aber wenn man eine Weile vor dem Eingang wartet, findet sich immer ein Insasse, der einen gern die Zellen zeigt.

Nicht nur das, im Gefängnis San Pedro sind auch die Angehörigen der Inhaftierten willkommen. In Bolivien macht das Sinn, denn der Mann ist hier der Familienversorger, Frau und Kinder hätten es ohne ihn sehr schwer. Sie ziehen deshalb einfach mit in den Knast um, eröffnen einen Kiosk, bieten Dienstleistungen wie Wäsche waschen oder Haare schneiden an. Sie sind den Männern eine wichtige Verbindung zur Außenwelt, denn sie können jederzeit ein- und ausgehen, wie sie möchten.

Knast San Pedro Bolivien

Der Wärter mit dem Maschinengewehr und dem Blick ins nichts missachtet uns lange Zeit, bevor er fragt, ob wir eine Tour wollen. Gegen kleines Bestechungsgeld werden wir eingelassen, die Taschen werden durchsucht, die Kamera darf mit. Das erste, was mir auffällt ist der beißende Gestank aus Richtung der überquellenden Mülltonnen. Wir laufen durch enge Gassen, vorbei an mit Schimmelflecken überzogenen Betonwänden. Die Insassen scheinen den Besuch gewohnt zu sein, manche beachten uns nicht, ein paar Männer pfeifen hin- und wieder, sonst läuft alles problemlos. Ich hatte mit nichts anderem gerechnet als mich hier etwas bedrückt zu fühlen und bleibe dicht hinter den beiden Holländern meiner Gruppe. Mein Unwohlsein steigert sich, als ein Wärter mit Baseballschläger mich zu sich zieht, mir ungefragt seinen Hut aufsetzt und will, dass jemand ein Foto macht. „Seguridad Interna“ steht auf seiner Jacke, also auch kein Wärter von außen, sondern ein Insasse, der gerade damit beauftragt ist, hier als Aufpasser zu stehen.

Wärter Gefängnis San Pedro Bolivien

Dieser Knast ist wie eine eigene kleine Stadt hinter hohen Mauern. Die Gefangenen eröffnen Geschäfte, Tischlereien oder Restaurants, um die Miete zu finanzieren, die sie für ihre Zelle zahlen. Es gibt ein Fitnessstudio, ein Billardzimmer und Fußballfelder. An den meisten Stellen sieht es hier drin nicht anders aus als im restlichen Bolivien. Frauen trocknen Wäsche, Kinder spielen Ball, kleine Läden verkaufen Süßigkeiten und Zigaretten. Arm und dreckig, aber so sehen hier fast alle Städte aus, auch Gestank ist im ganzen Land ein ewiger Begleiter. An anderen Stellen sehen wir abscheuliche, dreckige Kammern, in die man in Deutschland keinen Hund sperren würde.

„Es gibt da Unterschiede“, meint unser Guide. Wer es sich leisten kann, wohnt in den guten Zellen auf den obersten Etagen, von dort aus hat man einen guten Blick. Es gibt sogar eigene Knastviertel, die der Reichen, die von Securities bewacht werden und separate Eingänge haben. Und die der Armen und Drogensüchtigen, die für nächtliche Messerstechereien bekannt sind. Wer wenig oder kein Geld hat, muss mit den kalten, moderigen Zellen im Keller und Erdgeschoss leben. Alle Mieteinnahmen werden von einem Schatzmeister verwaltet (den die Insassen selbst wählen). Dinge wie Renovierungsarbeiten im Knast werden zum Beispiel davon bezahlt. Die Insassen von San Pedro haben ihr ganz eigenes politisches System entwickelt. Es gibt die Wahlen des Gefängnisdirektors und eigene Gesetze. Wer sich nicht daran hält, kommt in Einzelhaft, wird erstochen oder im Pool ertränkt.

Nachdem wir alle Viertel gesehen haben, fängt der Verkaufsteil der Tour an. Männer sitzen an Ständen mit aus Müll gebasteltes Spielzeug und Gemälden. Direkt danach geht es in den Raum, wo das Koks verkauft wird, wahrscheinlich die Haupteinnahmequelle für die Bewohner der Zellen mit Ausblick. Wir dürfen nicht zu lange da bleiben, aber im Raum steht allerlei interessantes Gerät, mit dem das Koks wohl produziert wird. Da die meisten Insassen wegen Drogenhandel hier sind, scheint sich hier das gesamte Know-How der Koksproduktion zu sammeln.

Ich kaufe ein murmelgroßes Tütchen voll weißem Pulver, es wird mir unter Tuscheln und wissendem Grinsen überreicht, ich versuche erst gar nicht zu erklären, dass es nicht für mich ist. 40 Dollar für 5 Gramm, ein Bruchteil dessen, was man in Europa zahlt.

Ein bisschen erleichtert bin ich doch, heile wieder zurück durch die eisernen Tore zu gehen. Richtig gut war die Stimmung nicht wirklich und zu genau will ich gar nicht wissen, was innerhalb von Gefängnissen so passiert, wenn keine Besucher da sind. Nur Koks kaufen ist wirklich kein Problem, gefilzt wird nur auf dem Weg in den Knast, nicht auf dem Rückweg.

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Achtung! Natürlich will ich hier keinen zum Nachahmen animieren, muss allerdings schon sagen, dass so ein Knastbesuch hochinteressant ist. Ich war im Frühjahr 2009 da. Inzwischen ist es nicht mehr so einfach, reinzukommen, man muss am Eingang genau sagen, wen man besuchen will, seinen Ausweis abgeben und Kameras sind auch nicht mehr erlaubt. In Bolivien kommt man mit etwas Bestechungsgeld aber oft weiter, als man denkt.

Comments

  1. Schöner Bericht. Ich hatte mich schon gefragt, was ich falsch gemacht habe im Frühjahr 2014, sah dann aber dass du 2009 da warst. Ich hab versucht reinzukommen, aber Fragen danach im gegenüberliegenden Park hat mir nur ungläubiges Kopfschütteln eingebracht. Vielleicht hätte ich doch den Wärter ansprechen sollen, der mich so komisch beäugte… :)

    1. Author

      Danke! Und ach, verdammt schade, vielleicht ist´s einfach nicht mehr so leicht, reinzukommen…

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