Freiwilligenarbeit Togo

Freiwilligenarbeit in Togo: Voodoozauber, Kadaver und Plumpsklos

In Freiwilligenarbeit, Reisen by shavethewhales6 Comments

Irgendwann hat mich Togo soweit. Ich versuche gar nicht mehr, einzuschlafen. Ich lasse die Moschee laut singen, die anderen 14 Menschen im Raum dröhnend schnarchen und die Mücken surren. Ich bringe nicht mal mehr die Kraft auf, mich über meinen zu dünnen Schlafsack zu ärgern. Und über mich selbst, die dem “in Afrika ist es warm” der anderen geglaubt hat. Ich liege da, bis ich raus aufs Plumpsklo muss, finde beim vierten Versuch den Weg aus dem Moskitonetz und laufe zum dritten Mal in dieser Nacht mit dem Gesicht vor die Wäscheleine, die quer durch den Raum gespannt ist.

Ich halte aufmerksam Ausschau nach den fiesen Ameisen, die sich gern tief in die Haut beißen und so schnell nicht mehr loslassen. Ich lasse die Spinne, die im Klo auf mich wartet, keine Sekunde aus den Augen. Auf dem Weg zurück zur Schaumstoffmatratze trete ich auf einen offenen Wassersack, der sofort ausläuft (Trinkwasser wird hier in Plastikbeuteln verkauft). Ich döse ein und werde von den Kindern wach, die von draußen fragen, ob ich schon wach bin. Ich laufe zum Brunnen und wasche mich vor einem achtköpfigem Kinderpublikum. Ich kippe meinen Kulturbeutel um und blicke den Tampons nach, wie sie langsam im Brunnen versinken. Eigentlich müsste ich fluchen, Tampons kann man hier nicht nachkaufen, aber ich bin einfach zu müde. Ich esse zum Frühstück überzuckertes Weißbrot und Marmelade mit Chemiebaukastengeschmack. Freiwilligenarbeit in Togo bringt mich ständig sehr nah an alle meine Toleranzgrenzen.

Schulklasse TogoDie erste Stunde beginnt. Die Erstklässler verstehen mich nicht, sie sprechen nur Ewé, kein Französisch. Ich stehe vor 40 Kindern, die mich ehrfürchtig anblicken. Völlig grundlos, ich kann Ihnen kaum etwas beibringen. Ein Kind übergibt sich auf sein Pult, drei rennen raus, um das Erbrochene mit Erde zu bedecken. Wir malen das Alphabet. Die meisten Kinder malen nur Kreise. Ich bin hilflos.

Wir machen Feuer, um unser Mittagessen kochen. Es gibt Yams (eine braune, haarige Wurzel, die nach süßer Kartoffel schmeckt) so wie fast jeden Tag. Zwischen Feuer anfachen und Essen vergehen 2 Stunden.

Nachmittags wird getrommelt und getanzt, viel mehr kann man hier nicht machen. Lauf- und Fangspiele, allerdings verlieren wir jedes Spiel gegen die Kinder, die so viel schneller sind als wir.

Wenn ich Menschen sehe, deren Besitz so viel kleiner und deren Stimme so viel ausgelassener ist als meine, werde ich nachdenklich. Ein Kind reicht mir eine Tüte mit Keksen, die es für mich gebacken hat. Es sind kleine gerollte Kekswürste aus Maismehl, leicht angebrannt. Der kleine Junge dreht sich um und läuft weg, bevor ich danke sagen kann. Und ich bin froh drum, denn er soll nicht sehen, wie ich mir auf die Lippen beiße, um nicht loszuheulen.

Auf dem Weg zum Markt streicheln mir alte Omis übers Haar und plappern mich unermüdlich in ihrer Sprache voll. Sie lachen. Nicht über mich, sondern so, als würden sie sich freuen, dass ich hier bin.

Voodoo FetischeIch kaufe Wasser und finde Tomaten, direkt neben dem Stand mit den Voodoofetischen. Kleine Fläschchen voll wundersamer Flüssigkeiten in einer Kiste. Getrocknete Tierkadaver liegen aufgereiht nebeneinander, Schädel glotzen mich aus leeren Augenhöhlen an. Ich habe die Voodoo Tradition nie ganz durchschaut. Sie kann Krankheiten heilen und böse Geister vertreiben, sagen die Togolesen. Mit Mitteln, die wir für wirkungslos halten. Wenn die Menschen aber trotzdem davon gesund werden, sei es durch Glaube oder durch die Mittel selbst, was macht sie dann schlechter als die unseren?

Es gibt in Akoumapé einen Fernseher, das ganze Dorf versammelt sich abends davor und schaut Rubi, die Vorabendserie. Eine weiße Frau macht Urlaub in Mexiko. Es ist kein Zufall, dass jedes der Schulkinder am liebsten mal Mexiko sehen will. Das Programm wird ständig unterbrochen von dem immer gleichen Werbespot für Momo magique, ein Waschpulver. Wir  gehen in die Bar am Rand der Dorfstraße, trinken unser Bier zwischen Ziegen und schwarzen Abgaswolken.

Bar in AkoumapéAls es dunkel wird, lege ich mich auf meine Schaumstoffmatratze. Ich bin nie allein, ich teile diesen Raum mit den 14 anderen Menschen, mit denen ich auch alles andere teile. Mein Essen, meine gesamte Zeit, meine Gedanken. Wenn ich mich abseits der Gruppe setze, kommt jemand, um mich zu fragen, ob ich krank oder traurig bin. Allein sein wollen ist etwas, das man hier nicht kennt. Manchmal überfordert mich die Nähe, aber oft ist es beruhigend zu wissen, dass sich die anderen um mich sorgen. Ich nehme das Lachen mit in den Schlaf, die Umarmungen, das Singen. Ich denke oft daran, dass es wenig hilft, nur vier Wochen hier zu sein, um an einer Schule zu helfen. Wie wenig ich ausrichte. Dass der Hunger und Armut hierbleiben, wenn wir wieder weg sind. Aber wann hat sich zuletzt jemand so gefreut, dass ich zu Besuch komme?

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Akoumapé, August 2006. Ein Freiwilligendienst der Kolping Jugendgemeinschaftsdienste und VAD – Volontaires en Action pour le Développement au Togo. Danke an meine Mitreisenden für viele der Fotos!

Comments

  1. Ich bewundere deinen Mut und Gelassenheit. Man spürt förmlich, wie du von jeder Reise was mitbringst und auch da lässt.

    1. Author

      Danke, liebe Uschi. Ja, nach Togo war ich um viele besondere Erinnerungen reicher…

  2. Reeespekt.

    Wir waren 1999 für 14 Tage in The Gambia. Zwar “nur” als Touristen, aber dennoch mit vielen bis heute erdenden Eindrücken.

    Danke für die Auffrischung ;)

    Take care

    Stefan

    1. Author

      Hey Stefan,
      sehr sehr gern, das mit der Auffrischung und ja, ich glaube, auch als Tourist kommt man nicht um diese Eindrücke herum. Vielleicht kann man in diesen Ländern auch gar nicht “normaler” Tourist sein, wie man das in anderen Ländern kann…
      Liebe Grüße,
      Caroline

  3. Wahnsinn!

    Ich bin gerade erst über deinen Blog “gestolpert”, aber dieser Beitrag ist so ergreifend geschrieben und die Bilder dazu so ausdrucksstark, dass ich hin und weg bin vor Begeisterung. Habe den Blog jetzt gleich abonniert!

    Liebe Grüße aus Wien,
    Step

    1. Author

      Danke für deine lieben Worte und entschuldige, dass ich so spät erst darauf antworte. Alles Liebe aus Hamburg

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