Mexican boys

Häuser bauen in Mexiko: Un techo para mi país

In Freiwilligenarbeit, Reisen by shavethewhales12 Comments

Mexiko Stadt, Stadtteil La Condesa: Die vorbeiziehenden Partygänger sehen sich immer kurz nach uns um, wie wir die Brecheisen und Boxen voller Schrauben und Dübel in den Bus laden. Es ist Freitagabend und La Condesa das Viertel der Bars. Unsere Gruppe besteht aus jungen Leuten, die gerade genauso gut in einer davon Bier trinken könnten. Stattdessen fahren wir in ein Dorf eine Stunde von Mexiko Stadt, wo wir von 20 Familien erwartet werden. Wir wollen ihnen ein neues Haus bauen. Ein einfaches Holzhaus wohlgemerkt aber im Vergleich zu den Hütten, in denen sie sonst hausen immerhin wasserdicht und mit Fußboden.

“Wir” ist eine Freiwilligenorganisation namens Un Techo para mi país (dt. ein Dach für mein Land), der man sich spontan anschließen kann. Fast alle sind Studenten, die an ihren Wochenenden für Bedürftige Häuser bauen. Die Gruppe ist gut gemischt. Von zierlichen, kleinen Mädchen bis zu Männern, die aussehen, als könnten sie Autos heben, ist alles dabei. Beruhigend, denn ich will nicht die Schwächste von allen sein.

Wir übernachten in der Dorfschule, räumen zwei Klassenzimmer leer und rollen die Isomatten aus.

Am nächsten Morgen ist Vorstellungsrunde. Manche Worte der Mexikaner geben mir zu denken: “Nicht jeder hat das Privileg, studieren zu können, ich möchte denen, die das nicht können, etwas zurückgeben.” Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass auch ein guter Studienabschluss hier nicht viel hilft, wenn man einen Job braucht , der die Familie ernährt. Und daran, was ich zurückgeben müsste, wenn ich bedenke, dass mein Land mir nicht nur das Studium finanziert, sondern mich auch immer sozial absichern wird.

Wir teilen uns in Gruppen auf, packen unser Werkzeug und laufen zu “unserer” Familie. Wir sind noch nicht ganz um die Ecke gebogen, als uns 9 Kinder umringen, die uns aufgeregt hopsend Hallo zurufen. Wir treffen die Eltern und den Großvater, die ALLE in einer Wellblechhütte wohnen. Mir ist schleierhaft, wo genau sie schlafen, ich sehe nur zwei Betten.

Un techo para mi país

Die Mutter begrüßt uns mit neongelber Limonade (Mexikaner LIEBEN Zucker) und erzählt, dass nicht alle Kinder ihre eigenen seien, ihre Schwester aber vor Kurzem gestorben sei und sie deren Kinder mit versorgt.

Später erzählt mir der Großvater von seiner verstorbenen Tochter. Wie sie krank wurde, wie er ihr Geld gab und den Namen der Metrostation in Mexiko Stadt, die am nächsten am öffentlichen Krankenhaus liegt. Sie fuhr hin und kam mit der Erkenntnis wieder, dass ihr nicht zu helfen war. Warum verstehe ich nicht ganz, denn seine Stimme wird leiser und er fängt an zu weinen. Ich bin hilflos, schlucke meine eigenen Tränen runter, weiß nicht, wohin mit meinen Blicken und Händen.

Es tut gut, aktiv zu werden beim Anblick von so viel Armut. Ich buddel Löcher, haue Nägel in Holzbalken und fühle mich nutzlos, wenn es an die sehr körperliche Arbeit geht, weil alle anderen um Längen schneller sind.

Zum Mittagessen gibt es Reis und Grashüpfer, die die Kinder in den Wiesen gefangen haben. Die Köchin lacht mich aufmunternd an und ich fühle mich schlecht, nein zu sagen, aber ich bring´s nicht über mein Vegetarierherz, einen zu essen.

Mexican girl

Wenn wir müde werden, bringen uns die Kinder einen Hundewelpen zum Streicheln oder führen uns zum Hühnerstall nebenan. Es fällt mir leichter, zu bauen, wenn der Grund dafür direkt neben mir steht und mich anfeuert.

Als ich auf dem halbfertigen Dach sitze und Nägel festhämmer, habe ich guten Blick auf das Dorf und die vielen vielen anderen Wellblechhütten, deren Besitzer sich bestimmt auch über ein neues Heim gefreut hätten. Ich konzentriere mich weiter auf die Nägel. Es ist wohl müßig, über das Elend nachzudenken, was man nicht beseitigen kann.

Baking tortillas, Mexico

Wenn genug Hände mitbauen, kann wirklich an drei Tagen ein Haus entstehen, ich hätte das nicht für möglich gehalten.

Wir haben Ballons gekauft zur Einweihung. Mir ist ganz feierlich, als wir uns mit Bechern voll Limo zuprosten, während die Luft nach frischem Holz riecht und der Bauscheinwerfer das Innere der Hütte in warmes Licht  taucht. Ich blicke in stolz lachende Gesichter, sowohl bei der Familie als auch bei den Baumeistern.

Un techo para mi país

Der erste Einrichtungsgegenstand, der von der alten in die neue Hütte wandert, ist das Kruzifix der Familie. Ich kann mir kein Land vorstellen, das katholischer ist als dieses.

In 5 Tagen bauen meine mexikanische Gruppe und ich 2 Häuser. Alle Gruppen zusammen bauen 20 Häuser. Ohne Kran, Bagger und nichtmal mit besonders viel Werkzeug. Wer jemals wieder in meiner Gegenwart sagt, Mexikaner seien faul, soll sich in Acht nehmen. Ich weiß jetzt, wie man mit einem Brecheisen umgeht.

Die Armut, die ich gesehen habe, kann unser Haus nur ein kleines Stück abmildern. Aber es ist ein guter Gedanke, dass die Familie nicht mehr in nassen Betten schlafen muss, wenn es regnet. Ich selbst bin um viele Erinnerungen, liebe Worte und viele Umarmungen reicher. Was wäre mir entgangen, hätte ich mein langes Wochenende wie sonst auf einer der Parties verbracht.

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Die Organisation Un techo para mi pais gibt es in vielen spanischsprachigen Ländern, wenn ihr vor Ort seid, macht mit!

Comments

  1. Chapeau! Nicht wahr, “Geh nicht nur die glatten Straßen. Geh Wege, die noch niemand ging, damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub.” Du hast definitiv Spuren hinterlassen. Schön.

    1. Author

      Danke, Jutta! Die Menschen, die ich getroffen habe, haben auch Spuren hinterlassen, sie lassen mich jeden neuen Tag ein bisschen dankbarer starten. Deshalb kann ich diese Form von Freiwilligenarbeit sehr empfehlen. Es gibt ja auch sinnlose, wie die ARD Doku vor Kurzem gezeigt hat.

  2. Wow. Ein tolles Projekt – und großartig, dass Du mitgemacht hast. (Und ein schöner Bericht mit wie immer wunderbaren Fotos!)

  3. Vielen Dank für Deinen Bericht!
    Was ich nur gern anmerken mag, Armut ist relativ und
    die soziale Absicherung in Deinem Land auch …

    liebe Grüsse
    Karen von jk-unterwegs momentan in Gosen/Brandenburg

    1. Author

      Gerne Karen, danke für deinen Kommentar. Klar, alles kann sich immer ändern, trotzdem bin ich dankbar für die Privilegien, die ich in meinem Land genieße.

  4. Ich finde es immer wieder erstaunlich das es Menschen gibt die in Ihrem Urlaub auch etwas für die dort ansessigen Menschen tun. Es gibt doch nichts schlimmeres als einen Urlaub zu machen und dort zusehen wie die Menschen immer ärmer werden. Ich finde euer Projekt wirklich toll und ziehe den Hut vor Dir – Mach weiter so!

  5. Heyhey, ich habe schon einiges gehört über deine bzw. diese Organisation und würde mich sehr freuen und dir sehr dankbar sein, wenn du mir evtl. eine kurze Mail schreiben würdest wie genau du die Organisation kontaktiert hast um erfolgreich daran teilnehmen zu können. Die Website ist so diffus und anscheinend suchen sie (mittlerweile) nur Profis, was mich aber sehr erstaunen würde ;) ich hoffe du kannst du mir da weiterhelfen. Das wäre super! Liebe Grüße Natalia

    1. Author

      Hey Natalia, wo genau bist du oder würdest du denn hinwollen? Auf dieser Seite kann man sich für die einzelnen Projekte einschreiben: http://www.techo.org/participa/
      Ich hab das über meine mexikanische Uni gemacht, aber wenn du nicht gerade ein Auslandssemester planst, hilft dir das wenig weiter…Liebe Grüße

  6. Hey,

    ich war jetzt eine ganze Zeit lang in Mexiko und ich kannte die TECHO Organisation noch gar nicht. Deswegen schon Mal “Danke” an dieser Stelle für diesen Tipp! Bei meiner nächsten Reise nach Lateinamerika werde ich mich damit mehr beschäftigen. Mir gefällt dein Artikel sehr, vor allem der Anfang mit Condesa. Das Leben dort ist….man könnte sagen…ein reiner Irrturm. Naja, ich freue mich auf jeden Fall für dich für diese schöne Erfahrung. Ich selbst habe solche Situationen in Chiapas miterlebt und kann mich deiner Geschichte und den Gefühlen nur anschließen. Die Armut Mexikos und generell Lateinamerikas ist eine lange traurige Geschichte, aber ich freue mich über jeden Reisenden, der sich wirklich mit der Realität eines Landes auseinandersetzt und sogar mit anpackt.

    lg, Patrick

    1. Author

      Hey Patrick,
      da freu ich mich, dass du TECHO hier gefunden hast, kann ich dir wirklich wärmstens ans Herz legen, eine wunderbare Gemeinschaft. Und ich habe schon mehrere Freiwilligenprojekte mitgemacht, bei dem hier hatte ich endlich das Gefühl, das was wir tun, hilft. Poste hier gern Links zu deinen TECHO Blogberichten, falls du mal mitmachst, ich wär gespannt :)

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