Indien

Indien – Über Realitätsflucht

In Inspiration by shavethewhales6 Comments

“Wovor läufst du weg?” werde ich oft gefragt, wenn ich für Monate gen Welt verschwinde. Ob ich da nicht ein bisschen vor der Realität fliehe? Hier in Indien lerne ich auch eine Realität kennen. Sie ist anders, voller Gestank und Armut, voller Elend und Dreck. Aber sie ist die Realität von mehr als einer Milliarde Menschen und ich will sie genauso kennen wie die in Deutschland.

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Indien wirft mich in ein Meer von Bildern, Gerüchen und Reizen, aus dem ich so schnell nicht wieder rauskomme. Nein, dieses Land macht es mir nicht einfach. Es fordert mich, immer wach zu bleiben.

Mein Hirn will alles, was ich sehe, in Sinn verwandeln. Das geht hier nicht. Tempel voller Ratten, Sadhus, die bei 40 Grad unter Wolldecken neben einem Feuer sitzen und eine Kuh, die mir ungestraft mein Sandwich wegfrisst machen keinen Sinn. Nicht in meiner Realität. Aber nur wenn ich die hin und wieder vergesse, lerne ich dazu. Dann bin ich frei, das Unmögliche zu glauben oder abzulehnen. Ich bin nicht abhängig davon, was andere denken. Alles, was ich tue oder lasse, wird neu bewertet, ich habe darauf, ob ich bewundert oder verachtet werde, sowieso keinen Einfluss.

Reisen durch Länder wie Indien kann dich sehr weise machen oder es macht dich verrückt. Das Aufeinandertreffen von unbekannten Elementen fordert, dass du alles, was bisher war, auseinandernimmst und neu zusammensetzt. So wirst du zum Architekten deiner eigenen Realität, die du täglich durch neue Denkmuster, Möglichkeiten und Worte ergänzt.

Realitätsflucht? Ich laufe nicht weg vor der Realität. Ich glaube, ich laufe mittenrein.

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Bilder aus Goa, Hampi, Gokarna, Kumily und Udaipur. Meine Semesterferienbeschäftigung im Winter 2010.

Comments

  1. Sehr schöner Text Caro! Ich finde es ist ebenso schwierig Sinn aus ‘seiner’ Realität zu machen, wenn man dann wieder zurückkehrt. Ich glaube, manche können deine Bestreben, so viel wie möglich von der Welt kennen zu lernen nicht verstehen, weil sie sich in Wirklichkeit nicht der Angst stellen möchten, seine Normalität in Frage stellen zu müssen. Viele werden zwar so tun, als ob dein Reisen hedonistischer Genuss sei, aber die Reisen die du unternimmst, bedürfen viel Stärke und sind sicherlich emotional und intellektuell sehr anstrengend.

    1. Author

      Danke, liebe Sibylle! Schön, dass du mich verstehst! :)

      The world isn´t just the way it is. It is how we understand it, no? And in understanding something, we bring something to it, no? Doesn´t that make life a story? (…) You want a story that won´t surprise you. That will confirm what you already know. That won´t make you see higher or further or differently. Life of Pi

  2. Huhu,

    jetzt lese sich schon seit einiger Zeit deinen Blog mit und will dir wirklich mal ein Kompliment machen: Ich LIEBE deine Bilder!!! Die sind einfach fantastisch! Darf ich fragen, mit welcher Kamera du unterwegs fotografierst? :-)
    Einfach genial!

    Liebe Grüße
    Carina

    1. Author

      Hey Carina, vielen Dank für das Lob, ich freu mich! Die Bilder von genau diesem Blogpost hab ich sogar noch mit meiner allerersten Digitalkamera gemacht :) Inzwischen habe ich eine Nikon D5100

  3. Sehr coole Umkehr dieses bekannten Vorwurfs.

    Schön, dass Du Indien ansprichst. Ich muss sehr viel an Indien denken, fast jeden Tag. Allein, dass Indien existiert, so wie es existiert, sollte uns dazu bringen sofort inne zu halten und uns zu fragen worüber wir uns verdammt noch mal so aufregen.

    In Deutschland klagt man über Figurprobleme, als ginge es um Leben und Tod und in Indien verhungert man.

    Wie heißt es so schön, “die Zukunft ist schon hier, aber ungleichmäßig verteilt”.

    1. Author

      Wie wahr, den Satz kannte ich noch gar nicht. Danke dafür!

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