Verlieren Reisen

Brief an meine verlorenen Sachen

In Inspiration, Reisespaßby shavethewhales16 Comments

Lieber Flipflop, der mir in einem Bach mit wenig Strömung wegschwamm und den ich trotzdem nicht retten konnte,

Liebe Kontaktlinse, die mir in einen dunklen Abfluss fiel und mich halb blind zurückließ,

Liebe eingesaugte Socken,

Liebe 2 Kilo Packung Guatemala Kaffee, die ich von der Biofarm durch den Dschungel schleppte, gegen Feuchtigkeit schützte, vor Affen verteidigte, um sie kurz vor Abflug zu verlieren,

Liebe Unterwäsche, die mir mitten im Dschungel von der Leine geklaut wurde,

Liebes Geldbündel, das ich im Gemeinschaftsbad eines Hostels ließ, nachdem ich es tagelang im BH durch Rio getragen hatte,

Liebe nagelneue Jack Wolfskin Jacke, die ich im Ablagefach eines Bus liegen ließ,

Liebe Bikinis und Handtücher, die ich zum Trocknen auf der Leine vergaß,

Liebes Portemonnaie, das ich mir von einem Polizisten in Antigua klauen ließ,

Liebe Hängematte, die meinen Platz im Rucksack verstopfte ohne je gebraucht zu werden und die erst ganz zum Schluss der Reise verschwand,

Liebe verlorenen Sachen: Wo seid ihr jetzt? Manchmal stelle ich mir vor, ihr würdet mir Postkarten aus eurem neuen Leben schreiben wie der Gartenzwerg bei Amélie. Meine BHs, wie sie ein malaiischer Dschungelmann alle übereinander trägt. Mein Geld, versoffen in Rios Clubs. Mein Schuh, angenagt von einem Opossum. Meine Jacke, wie sie einen Bolivianer wärmt, der sie wahrscheinlich sowieso dringender braucht. Ein Kind, das sich über die Münzen freut, die ich so achtlos in löchrige Taschen stopfe, aus denen sie direkt rausfallen.

Wer nicht verlieren kann, kann nicht gewinnen. Wie oft gab es Menschen, die mir Sachen geschenkt haben. Übernachtungen bei ihren Familien. Selbstgekochtes Essen. Lachen. Momente, die nie wiederkommen. Die so viel mehr wert sind als Dinge, die ich nachkaufen kann.

Comments

  1. liebe caroline,

    du findest so wunderschöne worte zu deinen wunderschönen fotos. wirklich großes talent. und – was soll ich sagen – sie zeigen deine eigene schönheit. mach weiter. keep dreaming.

    1. Author

      Liebe Bettina,

      danke für die lieben Worte, ich hab mich so gefreut! Sie helfen mir, weiterzumachen.

  2. Großartig! Ich muss sehr lachen. :D
    Das Bild vom dem malaiischer Dschungelmann, der alle BHs übereinander trägt ist zu gut ;)
    LG
    Marianna

  3. Author

    :) Wenn du nach Malaysia fährst, du würdest ihn direkt erkennen. Er wohnt in einem Dschungel voll wilder Schweine und Brotfrüchte.

  4. Liebe Carloline,
    dieser Brief an deine verlorenen Sachen hat mir so viel Spaß gemacht und ist ein wunderbarer Weg, wie man Ärger in positives Denken umwandeln kann!
    Du schreibst wirklich toll und deine Fotofilme mit den Texten sind “fast” ein Ersatz für eine Reise. Aber sie machen auch so viel Lust, selber dorthin zu reisen um diese unglaublichen Farben, Natur, Menschen und Lachen aufzunehmen. Ich freue mich schon sehr auf die folgenden Beiträge.
    lg
    Uschi

    1. Author

      Liebe Uschi,
      vielen lieben Dank für deine Antwort! Ich freu mich, dass es dir hier gefällt. Ja, das positive Denken musste ich mühsam lernen und auch heute funktioniert es noch nicht immer so, wie es sollte :)
      Liebe Grüße,
      Caroline

  5. Liebe Carline,

    deine Artikel sind so wunderbar geschrieben und ich kann mir ein lautes Lachen ab und zu einfach nicht verkneifen :)
    Weiter so & bring mich noch öfters so zum Lachen!

  6. Toll und dicht an meinem Lieblingsthema: was denken die verlorenen Sachen eigentlich (post-natales Trauma von mir, wird langsam besser). Werde das vielleicht beim #ironbloggen #owl verarbeiten. Way to go!

    1. Author

      Danke! Und wie beruhigend, dass ich nicht allein bin im Kampf gegen die Schusseligkeit :)

  7. Wahre Worte!
    Wer zu Hause etwas “verliert” (ich spreche nicht von Diebstahl, wie z. T. oben), hat die große Chance, seine Siebensachen wieder zu finden.

    Was auf Reisen höchst selten zutrifft. Oder nach einem Umzug. Da fehlt plötzlich die Sonnenbrille und die Ersatzbrille (Lima), der Geldbeutel samt Führerschein (San Francisco) und der noch recht neue Schlafsack (Pretoria), um nur einige zu nennen.

    Manchen Sachen trauere ich heute noch nach, doch es sind ja “nur” Dinge. Hauptsache gesund, wie man so schön sagt. Und das stimmt auch.

    Dinge kann man größtenteils ersetzen, aber wenn mal die Gesundheit ruiniert ist, dann klappt es oft nicht mehr mit der Wiederherstellung derselben.

    Beste Reisen!
    Gruß
    Wolfgang

    1. Author

      Hallo Wolfgang, da hast du ganz Recht. Frohes Weiterreisen und viel Erfolg beim Sachen zusammen halten :)

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