Pirat Mexiko

Ich will, dass mich das Leben in allen Farben bemalt – die Geschichte eines mexikanischen Pirat

In Begegnungen, Inspiration by shavethewhales2 Comments

Wie oft hab ich den Satz gehört: “Ich schmeiß alles hin und werde Pirat”. Von niemanden, der ihn je ansatzweise ernst gemeint hätte. Bis ich Wolfgang aus Juarez, einer der gefährlichsten Städte der Welt traf.

Es war eine dieser Begegnungen, die mich daran zweifeln ließen, ob ich wirklich so mutig bin, nur weil ich reise. Die mich daran denken ließen, was passieren würde, wenn ich meine letzten Ängste über Bord schmeißen würde. Daran, was wäre, wenn ich nie wieder darüber nachdenken würde, was andere von mir denken. Wenn ich weniger still sein würde, mehr tanzen könnte und mit völlig Fremden öfter über das reden könnte, was so oft ungesagt bleibt.

DSC_1305

Wenn Wolf zur Arbeit geht, setzt er die Perücke mit den schwarzen Rastalocken auf, hängt die vielen Perlenketten um, die bei jeder Bewegung ein bisschen klimpern und schnallt die selbstgebauten Stelzen an, die an vielen Stellen nur noch von Klebeband zusammen gehalten werden. Dann klemmt er die Piratenbrautpuppe unter den Arm. Sie ist ausgestopft mit der kompletten Kleidung, die er besitzt. An der Hüfte ist sie ganz dünn und abgegriffen, am meisten gepolstert ist ihre Brust. Wolf verdient sein Geld damit, an Ampeln als Pirat verkleidet vor den wartenden Autos zu tanzen. Er tanzt mit seiner Braut, wirbelt sie umher, dass ihre blonden Stoffhaare fliegen und drückt sie gegen den Ampelpfosten, als wolle er sie küssen.

Vor vielen Jahren war er mal Bankangestellter in seiner Heimatstadt, dem mexikanischen Juarez. Er hat den Job gehasst. Wolf kann nicht stillsitzen kann und nicht lange nüchtern bleiben. Aber dafür kann er laut singen und auf Stelzen laufen. Und so verließ er Juarez und wurde zum Piraten. Begleitet nur vom Gefühl, nichts zu verlieren zu haben. Andere würden es Obdachloser nennen, nur irgendwie ist das ein Wort, das zu negativ klingt für jemanden, der so glücklich damit scheint, als Vagabund durchs Land zu ziehen. Bis jetzt hat es ihm an nichts gemangelt, nicht an Schlafplätzen, nicht an Essen, nicht an Menschen zum Reden. Sie sind immer einfach plötzlich da.

Ich glaube, sie werden immer da sein. Sie sind zu fasziniert, um sich abzuwenden. Weil Wolf das macht, was er will und was sich sonst keiner traut. Er redet laut in Museen und Büchereien und noch lauter, wenn ihm jemand „SHHH“ zuraunt. Wenn er ins Theater eingeladen wird, wählt er die abgerissenste Kleidung, auch wenn er bessere hätte. Er gibt seine Bierflasche an der Garderobe ab, lächelt die Garderobendame an und schert sich nicht im Geringsten um die Blicke auf ihm.

Denn er hat gelernt, dass er dann am glücklichsten ist, wenn er konsequent nicht darüber nachdenkt, was die anderen denken.

Dann ist ihm das Leben ein Kumpel, mit dem man rauschende Parties feiert und das einem die erstaunlichsten Menschen vorstellt. Es ist nur einer von denen, auf die man sich nicht verlassen kann, die in der richtigen Laune sein müssen. Es lässt sich für nichts zur Rechenschaft ziehen und es kann grausam und zynisch und fies werden, wenn ihm danach ist. Dann, wenn er nachts vor einer der Ampeln festgenommen wird und die Nacht im Knast verbringt zum Beispiel. Aber für die vielen guten Momente verzeiht er dem Leben auch das.

“Verbittert sein lohnt sich nicht“ meint er. „Das Leben hat so viel zu bieten, nur keine Sicherheit. Egal, wer du bist und was du machst, dir kann jederzeit alles genommen werden.“ 

Und so nimmt er die Einsamkeit gern hin, die manchmal da ist, um sie in den Stunden des Glücks zu vergessen. Und das Verzweifeltsein und die Ratlosigkeit. “Das alles sind Farben des Lebens und ich will, dass mich das Leben in allen seinen Farben anmalt.“ Wolf legt den Kopf leicht nach hinten, breitet die Arme aus und lächelt. Lächelt den Dingen entgegen, die kommen mögen, ob gut oder schlecht.

Und ich stehe hilflos daneben und kann nicht anders, als diesen Menschen zu bewundern. Mit all seiner Rüpelhaftigkeit, die ich anfangs ziemlich abstoßend fand. Es ist eines dieser wunderlichen Dinge, die das Reisen mit mir anstellt. Ich lerne tiefen Respekt für die, die wir die “Verlierer der Gesellschaft” nennen. Und verliere ihn vor denen, die ihr Leben lang genau das machen, was man von ihnen erwartet. Die nichtmal versucht haben, ihre Träume zu leben. Deren Gesichter das Leben allmählich in grauer Verbitterung bemalt. Die vor lauter Rechtschaffenheit blind dafür geworden sind, wie ihr Leben langsam an ihnen vorbei plätschert, ohne die Geschichten, die es bunt machen könnten.

Comments

  1. Wow, der letzte Paragraph hat’s in sich! So gut geschrieben, dass man mal wieder richtig wach gerüttelt wird. Das passiert nicht alle Tage, Daumen hoch.
    LG Jasmin

    1. Author

      Danke Jasmin! Freut mich, dass das geklappt hat :) Liebe Grüße

Leave a Comment